Oscar Dietrichs Papierfabriken

Industriegeschichte am Rande des Vergessens?

(nebst Nachträgen vom 5. Mai 2014 und 20. Oktober 2016, siehe ganz unten)

Zu diesem Artikel ist es auf die gleiche Art wie schon einmal gekommen: Ich fuhr die Markwerbener Straße lang und sah plötzlich lauter Bildmotive, die unbedingt gleich fotografiert werden mussten …
Bei der Bildauswertung am Computer fing ich dann an, über die Örtlichkeit zu recherchieren. Vieles kam da nicht – aber Interessantes! So kramte ich dann auch im Buchregal und Datenarchiv und wurde an weiteren Stellen fündig.

Was mir dabei aufstieß, war die Diskrepanz zwischen der (meiner Meinung nach) großen Bedeutung des Gefundenen und der allgemein dürftigen Präsenz der Daten zum Themenkreis der Oscar Dietrichschen Papierfabriken in Weißenfels.

So gibt es über die Geschichte der Schuhindustrie in Weißenfels jede Menge Publikationen. Auch zur Historie der Ketten- und Nagelwerke oder den Brauereien in Weißenfels fand ich nach meinem Empfinden angemessen viel Material.
Aber zum Thema Papierfabrik … deshalb an dieser Stelle etwas mehr Text als sonst (dann aber auch die Bilder):

Gefundenes Quellmaterial

Geschichte der Stadt Weißenfels | von Friedrich Gerhardt | 1907 | ab Seite 359:

Aber das größte geschäftliche Unternehmen stellten dar die Dietrichschen Papierfabriken. Seit Oskar Dietrich 1875 die in der nächsten Nähe der Eisenbahn und Saale gelegene ehemals herzogliche Brückenmühle angekauft, hat sich dieses Unternehmen bis zu der heutigen gewaltigen Ausdehnung erhoben. Ende der achtziger Jahre erbaute die Firma oberhalb der Brückenmühle eine zweite Fabrik, die außer der Papiererzeugung die Herstellung von Holzschliff (Papierstoff) mittelst Dampfkraft umfaßt. In dieser Art die erste Anlage der Welt,  in der kein Teil der Kraft, kaum ein Atom von Stoff verloren geht. […]

Heute umfassen die Anlagen eine Cellulosefabrik, eine Holzschleiferei und zwei Papierfabriken. Beschäftigt werden jetzt 650 männliche und weibliche Arbeiter und etwa 50 Beamte. Der jährliche Versand beläuft sich auf 17 Millionen Kilo Papier als Schreib-, Post-, Normal-, Illustrations- und Werkdruckpapiere. Die Gesamtwerte der Jahreserzeugung beziffern sich etwa auf 6 Millionen Mark.

Der durchschnittliche Umschlag der Betriebe an Gütern beläuft sich täglich auf rund 420 000 Kilo. Diese füllen einen Eisenbahnzug von 42 Wagen mit je 10 000 Kilo Fracht, für welche die Firma über 600 000 Mark jährlich Frachtgelder zahlt. Die verschiedenen Papiere vom feinsten Parfüm bis zum einfachsten Konzept, vom linierten Geschäftsbogen bis zum gröbsten Packpapier bin ich nicht in der Lage zu nennen. Der Absatz für alle Erzeugnisse erstreckt sich ins In- und Ausland: Dänemark, Skandinavien, England, Argentinien, Brasilien, Ecuador, Japan, Australien und andere Länder sind Abnehmer für die in Weißenfels hergestellten Papiere.

Vor lauter Begeisterung hat sich der Autor zwar im letzten Absatz ziemlich verrechnet, doch das tut der Sache keinen Abbruch: Die Dietrichschen Papierfabriken gelten 1907 in Weißenfels als größtes Unternehmen und genießen sogar weltweite Anerkennung! (Mehr geht eigentlich nicht.)
Dietrich war übrigens auch der Papier-Sponsor des zitierten Buches. Ich hoffe, dies führte nicht zu einer verfälschten Darstellung.

Im Jahre 1925, zum 50jährigen Bestehen der Firma, gab es eine Jubiläumsschrift:

Oscar Dietrich Papierfabriken 1875 – 1925. | Die Weißenfelser Brückenmühle 1289 – 1875.
von Dr. Bernhard Weißenborn

Das Werk selbst ist mir nicht bekannt. Man kann es im (Internet-) Antiquariat für 175 Euro erwerben – ich werde es mir mal bei Gelegenheit im Stadtarchiv ansehen.
Was ich aber im Internet fand, ist eine Rezension über dieses Buch:

[…]
Hier zeichnet sich mit scharfen Strichen das Emporwachsen einer modernen Unternehmerfamilie ab, die in der Periode des mächtig aufkommenden Hochkapitalismus mit Weitblick und Tatkraft ihre Stunde zu nutzen weiß. Der Großvater der jetzigen Generation, Carl Gottlieb Dietrich, aus einfachen Verhältnissen entstammend, ist der erste Papiermacher der Familie, ein Mann noch ganz von handwerklichem Zuschnitt und ohne kaufmännische Bildung. Schon die nächste Generation zeigt höhere Schulbildung, kaufmännische und praktisch-technische, im Ausland erworbene Schulung. In der dritten Generation ist auch diese Art der Ausbildung als unzureichend anerkannt, das Hochschulstudium paart sich hier mit praktischer Erfahrung. Ein ganz typischer Werdegang, wie wir ihn immer wieder in erfolgreichen Unternehmerfamilien finden.
Der Großvater hat, nachdem er zuerst auf verschiedenen Papiermühlen im Königreich Sachsen gesessen, als fast 50 jähriger die Königsmühle in Merseburg erworben und vornehmlich durch die Unterstützung eines Associes und der nach einander ins Geschäft eintretenden drei Söhne mechanisiert und erweitert. Er starb 1870. 4 Jahre später brannte die Mühle ab. Die Söhne trennten sich, der älteste blieb in Merseburg, die beiden jüngeren, Oscar und Robert, erwarben im September 1875 die Brückenmühle in Weißenfels, die sie in unermüdlicher Arbeit zu einem modernen Werke entwickelten, das in der deutschen Papierindustrie seit Jahrzehnten einen gegründeten Ruf besitzt. Heute liegt die Leitung des Unternehmens in der dritten Generation.

Die Geschichte dieser letzten 50 Jahre ist in der Schilderung Weißenborns etwas zu kurz geraten. Man möchte noch sehr viel mehr wissen. Daß diese Wünsche nicht befriedigt werden, ist nicht Schuld des Verfassers. Er teilt das Schicksal vieler anderer, die sich der modernsten Industriegeschichte gewidmet haben. Sie alle sehen sich selbst bei Jubiläumsschriften, die von den Werken angeregt worden sind, einer weitgehenden Zurückhaltung gegenüber, die teils aus geschäftlicher Ängstlichkeit, teils aus Bescheidenheit entsprungen, nur zögernd den Schleier von den internen Geschehnissen der unmittelbaren Vergangenheit lüftet. Man mag das bedauern, aber man darf darüber den Dank nicht vergessen, den wir schon für das in dem vorliegenden Buche Gebotene schuldig sind.
Halle (Saale)
Gustav Aubin

Im zweiten Absatz wird schon ein wenig über Gründe der von mir festgestellten Unterpräsenz des Themas orakelt. Gibt es noch weitere Gründe?

Weißenfels – Geschichte der Stadt | Verlag Janos Stekovics | 2010

Die Entwicklung der Weißenfelser Industrie im 19. Jahrhundert
von Karl-Heinz Bergk
ab Seite 391

Die Brüder Oscar und Robert Dietrich errichten ab 1875 in der Brückenmühle eine der modernsten und größten Papierfabriken in Deutschland – zunächst auf dem Grundstück der alten Brückenmühle, später dann einen Neubau auf den Markwerbener Wiesen. Diese ersten technischen Anlagen werden vom Besitzer einer Papierfabrik aus Wernigerode gekauft, die Getreidemühle wird aus Finanzgründen zum Teil weiter betrieben. 1877 kann das erste Papier gefertigt werden. Die Produktion ist so erfolgreich, dass Oscar Dietrich (auch nach der Trennung von seinem Bruder) die Firma ständig erweitert und modernisiert. Ein großer Schritt ist die Errichtung einer Dampfholzschleiferei 1889 – die erste in Deutschland. 1894 stellt die Elektrizitäts Aktien Gesellschaft (vorher Schuckert & Co) eine Dynamomaschine auf. 1901 kommt die Strohstoffproduktion auf dem Gelände (Markwerbener Wiesen) der neuen Papierfabrik hinzu. Dampferzeuger (täglicher Kohlenbedarf bis zu 60 Tonnen) und eine Kraftwerkszentrale nach 1900 sind Grundlage für die Produktion von 70 Tonnen Papier und Pappen täglich. Die ehemalige Industriebahn von Weißenfels nach Roßbach entsteht vornehmlich auf Betreiben von Dietrich. Eine eigener Verladebahnhof zwischen Tagewerbener und Markwerbener Straße ergänzt die Fabrik. Ab Februar 1946 wird die Fabrik zur Reparationsleistung demontiert und in die Sowjetunion transportiert. Die Forschungs- und Produktionsunterlagen sind bereits vorher von den Amerikanern gesichtet worden. Am 1. September 1950 wird mit dem Aufbau des VEB „Neue Schuhfabrik“ in den leeren Gebäuden begonnen.

und

Die Weißenfelser Schuhindustrie
von Wilfried Schreier
ab Seite 269

Da der Bedarf der Bevölkerung der DDR an Schuhen (er lag 1949 bei 1,18 Paar pro Kopf) anfangs nicht gedeckt werden konnte und die Kapazität der Weißenfelser Schuhbetriebe ausgeschöpft war, wurde in den Räumen der enteigneten Dietrichschen Papierfabrik die „Neue Schuhfabrik“ eingerichtet und nach den Erfahrungen in den „Bata“-Werken (Zlin/Tschechien) auf Fließbandproduktion ausgerichtet. 1951 wurde sie in „Banner des Friedens“ umbenannt.

Der weitere Verlauf der Geschichte ist allgemein viel bekannter:
Weißenfels wurde zur „Schuh-Metropole“ der DDR. Auch dies mit beachtlichen Erfolgen – auf dem Gelände der alten Papierfabrik, mit Nutzung der verbliebenen „kapitalistischen Infrastruktur“. Wobei auf dem Gelände der ersten Ausbaustufe die „Getreidewirtschaft“ Einzug hielt. Der Begriff „Getreidewirtschaft“ ging als Ortsbezeichnung in den lokalen Wortschatz ein. So ist es wohl auch zu erklären, dass auf der Erklärtafel zum IBA 2010 – Projekt kein Hinweis auf die Papierfabrik zu finden ist.

Doch nun zu den Bildern – mit weiteren Infos:

Und hier noch ein paar unkommentierte Links zum Weiterforschen:

http://www.albert-gieseler.de/dampf_de/firmen1/firmadet11541.shtml

http://www.deutschesfachbuch.de/Sowjetische_Demontagen_in_Deutschland_1944_1949_9783428107391.html

http://www.akpool.de/ansichtskarten/22040-ansichtskarte-postkarte-weissenfels-saale-papierfabrik-oscar-dietrich-gmbh

http://www.xn--hndelstadt-halle-vnb.de/artefakte_weissenfels.htm

http://www.weissenfels.de/bas_b_stadtgestaltung_iba.html

Nachtrag vom 5. Mai 2014

Im Weißenfelser Heimatboten, Heft 3/2013 gibt es einen kleinen 2-Seiter unter der Überschrift

  • VEB Banner des Friedens, [von Daniel Busse];
    dies stammt ursprünglich aus:
    Daniel Busse, 825 Bilder von Weißenfels

Ein Großteil des Artikels befasst sich mit der Papierfabrik-Vorgeschichte – und zwar, für die Länge des Artikels gesehen, erstaunlich faktenreich. Somit muss ich meine zweite Überschrift etwas relativieren.

Am 1. September 1875 ging das Grundstück an der Brückenmühle an die Gebrüder Dietrich über. Johann Christian Zimmermann hatte es ihnen für 150.000 Mark verkauft. Oscar Dietrich übernahm den Betrieb und schuf schrittweise eine leistungsfähige Fabrik für die Herstellung von Papier und Pappe.

Mit dem Verkauf eines Teilgeländes der vorderen Markwerbener Straße an die Thüringischen Eisenbahngesellschaft im Jahre 1878 war eine Vergrößerung der Produktion auf dem vorhandenen Grundstück nicht mehr durchführbar. So wurde am 17. Januar 1890 mit dem Bau der „Neuen Fabrik“ an den Markwerbener Wiesen begonnen. Bereits am 16. Dezember desselben Jahres konnte hier die Produktion aufgenommen werden. Auf dem neuen Gelände befanden sich die Holzschleiferei (mit der ersten Dampfschleiferei Deutschlands), das Dampfmaschinengebäude, das Holländergebäude, der Papiersaal (mit Büro, Reparaturabteilung und Tischlerei) sowie das Kesselhaus. Hinzu kamen 1901 eine Produktionsanlage für Strohzellstoff und 1912 der eigene Gleisanschluss. Dieser endete allerdings auf der gegenüberliegenden, höheren Ebene der Markwerbener Straße. Um die Produktionsmittel dennoch schnell in das Werk befördern zu können, wurde eine Seilbahn über der Markwerbener Straße errichtet. Diese begann beim ehemaligen „Betonwerk“ an der Geschwister-Scholl-Straße und endete an den Speicherhallen. Beide Objekte stehen noch heute.

Während des Zweiten Weltkrieges übernahm auch die Papierfabrik mit Schießbaumwolle und Flugzeugteilen die Herstellung kriegswichtiger Güter und nutzte die Arbeitskraft von Kriegsgefangenen für sich aus. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches und dem Einzug der amerikanischen Armee in Weißenfels lief die kriegsbedingt gestoppte Produktion wieder an. Bis 1946 konnte der Betrieb aufrechterhalten werden. Mit dem am 1. Juli 1945 vollzogenem Wechsel der Besatzungsmächte in Mitteldeutschland, fiel Weißenfels in den Zuständigkeitsbereich der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Dies hatte zur Folge, dass die SMAD 1946 sämtliches bewegliches Inventar als Reparationsleistung in die Sowjetunion abtransportieren ließ. 996 Güterwaggons waren dafür notwendig. Eine weitere Nutzung der Maschinen in der Sowjetunion ist fraglich. Es ist davon auszugehen, dass die demontierten Maschinen dort ungenutzt blieben. So wie der Papierfabrik erging es vielen Betrieben in der Sowjetischen Besatzungszone. Ein Aufbau der Wirtschaft erschwerte sich so unnötig. Die Werkshallen einer der modernsten Papierfabriken in Europa standen nun leer und waren verwaist. 1948 wurde die Papierfabrik aus dem Handelsregister gelöscht.

Nachtrag vom 20. Oktober 2016

Das Familiengrab Dietrich auf dem Weißenfelser Friedhof.

3 Gedanken zu “Oscar Dietrichs Papierfabriken

  1. Hallo,
    Haben Sie vielleicht auch Foto’s oder Unterlagen der Erste Trommelfabrik Weissenfels von Johannes Link?
    Danke im voraus.
    Mfrgr, H.Claessen.

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